Leo Bill: Unter der Sonderkommandantur

Die aufregende Zeit des Schulabschlussexamens lag hinter uns. In einer festlichen Abendveranstaltung übergab man uns, den zweiundzwanzig Absolventen der einzigen Mittelschule eines großen Steppengebiets, unsere Reifezeugnisse. Wir fühlten uns unabhängig und erwachsen. Und nun? Fast alle meine Klassenkameraden wollten an Hochschulen studieren, sei es eine pädagogische, medizinische oder technische, und einige wollten an die Militärfachschule. Insgeheim beneidete ich sie. Sie waren frei, konnten fahren, wohin sie wollten und jede beliebige Bildungsstätte besuchen. Ich war tief gekränkt. Warum hatte ich diese Möglichkeit nicht? Wir waren doch zusammen aufgewachsen und kannten einander fast von Kindheit an. Und nun waren sie freie Menschen, ich aber stand unter Sonderkommandantur.
Bis ich sechzehn wurde, wusste ich nicht, was eine Sonderkommandantur ist. Ich wusste allerdings, dass meine Eltern jeden Monat an einem bestimmten Tag zum Kommandanten zum Unterschreiben mussten. Und eines Tages, als sie von dort zurück kamen, sagte Vater zu mir: „Geh ins Kontor. Der Kommandant hat gesagt, dass du zu ihm kommen sollst.“
„Warum?“
„Du bist jetzt sechzehn. Du musst registriert werden. Geh hin, er wird es dir erklären …“
Widerwillig begab ich mich ins Kontor, betrat das Arbeitszimmer und grüßte. Am Tisch, hinter Stapeln von Papier, saß ein hagerer, dunkelhäutiger Kasache in Militäruniform mit den Schulterstücken eines Hauptmanns. Seine schmalen, schwarzen Augen betrachteten mich aufmerksam.
„Setz dich, junger Mann,“ forderte der Kommandant mich freundlich auf. „Wie ist dein Vor- und Nachname?“
Er sprach mit Akzent, deswegen wurde aus dem Vor- ein Porname. Ich hatte diesen Hauptmann schon manchmal gesehen und wusste, dass er es war, zu dem alle „Sondersiedler“ – Deutsche, Tschetschenen und Inguschen – zum Registrieren gingen. Viele Einwohner fürchteten ihn ein bisschen – wer wusste schon, was er im Schilde führte. Er ging in Uniform und mit Pistole umher, deswegen ging man ihm lieber aus dem Weg.
Auf mich wirkte der Kommandant gar nicht beängstigend, sondern im Gegenteil gutmütig und schlicht. In seinen klugen, ein bisschen traurigen Augen bemerkte ich sogar ein gewisses Mitleid mit mir.
„Du bist sechzehn geworden,“ sagte er ruhig. „Du bist Deutscher, und ich bin auf Direktive des NKWD verpflichtet, dich als Sondersiedler in die Registratur aufzunehmen.“
Er las die Direktive vor, in der es hieß, dass jeder Sondersiedler monatlich beim Sonderkommandanten zur Kontrolle zu erscheinen habe. Wer seinen Wohnort eigenmächtig, ohne Genehmigung des Kommandanten verlasse, dem drohe Zwangsarbeit bis zu 20 Jahren.
„Alles verstanden?“ fragte der Kommandant und gab mir einen Stift. „Dann unterschreib, dass dir die Direktive bekannt ist.“
Was blieb mir übrig? Ich unterschrieb und stand auf.
„Kann ich gehen?“
„Ja, bis zum nächsten Monat.“