In
den letzten Jahrzehnten wurde nicht wenig über die Russlanddeutschen geschrieben.
Wissenschaftliche Arbeiten, neu entstandene Periodika, Veröffentlichungen
von Archivalien und statistischen Materialien usw. bilden mittlerweile eine
feste Basis für die Erforschung und Kenntnis der Beiträge deutscher
Immigranten zur Entwicklung der russischen Geschichte und Kultur. Einige Themen
jedoch wurden, so wie sie das wegen ihrer Bedeutung verdienten, aus verschiedenen
Gründen nicht ausführlich genug dargestellt und erklärt. Zu den
bislang unterschätzten kulturellen Aspekten gehört auch das musikalische
Theater der Deutschen in Russland.
Die Notwendigkeit einer systematischen Erforschung dieses Gebietes ist schon
lange herangereift, und mit jedem Jahr wird immer öfter nach der Aufarbeitung
dieser Thematik gefragt – mindestens aus didaktischen Interessen und Bedürfnissen
–, schon deshalb, weil in wissenschaftlichen Abhandlungen über die
russische Musikgeschichte publizierte Daten und Informationen zum deutschen
Musiktheater teilweise falsch, teilweise fragmentarisch, teilweise unkorrekt
sind.
Die Ursachen dafür sind unterschiedlich. Mehrere Jahrzehnte blockierte
die politische Lage alle möglichen Wege zur Forschung. Während der
gesamten sowjetischen Periode der heimatlichen Geschichte durfte man nicht über
die Einflüsse der deutschen Kultur und Wissenschaft auf die russische reden
und schreiben, auch nicht beispielsweise die Begründung einzelner Industriezweige
seitens deutscher Spezialisten beiläufig erwähnen. Alles Deutsche
wurde entweder unter einem negativen Kontext beschrieben oder neutral als „westeuropäisch“
bezeichnet.
Natürlich begegnen Ausnahmen. Zum Beispiel wurde 1980, d. h. kurz vor den
demokratischen Reformen in Russland, in einem wissenschaftlichen Verlag ein
Beitrag von Roman Ju. Danilevskij über deutsche Periodika in St. Petersburg
1770–1810 (darunter auch solche über das Theaterwesen) und über
ihre wirkliche Bedeutung in der Kulturentwicklung der Stadt gedruckt. Jedoch
war es unvorstellbar, ein Buch oder eine Dissertation über ein solches
Thema zu publizieren.
Als das politische Klima sich verbesserte, standen Probleme ganz anderer Art
an. Der wissenschaftliche Enthusiasmus kühlte ab, als die Forscher davon
erfuhren, dass die Materialien nur sporadisch bzw. unverfügbar waren. Eine
sachgerechte Aufbewahrung und Systematik für Dokumente der Russlanddeutschen
geschah fast nur im Ausland. Aus verschiedenen Gründen sorgten sich russische
Archive nicht um solche Nachlässe; deshalb wurde vieles davon aus den Sammlungen
einfach vernichtet.