Der Flügel
Für Boris Pasternak
Vier Männer waren's. Sie standen vor dem Hauseingang neben einem Konzertklavier, kurz Flügel genannt. Ein Quartett der Einhelligkeit, einmütig in dem Begehren: Dieses pechschwarze Ding muß auf den zehnten Stock hochgehievt werden. Keine Nabelschau, geschweige denn wie früher die Eingeweideschau, wurde betrieben. Kein Gedanke an irgendeinen Leisten- oder sonstigen Bruch wurde verschwendet.
Der Flügel fluoreszierte in der Mittagssonne, wie ein Fluidum übertrug er die Strahlwirkung auf die ihn von allen vier Seiten umgebenden Trägerhände. Einer von den Vieren war Oswald, der Schicksalsdünensand hatte den eingefleischten Berliner in Hessengefilde getrieben, am Mainufer warf er vorerst seinen Anker. Er war gut beieinander, beleibt, aber beileibe nicht dick. Dicht zusammen lagen bei ihm Behendigkeit und Behäbigkeit. Leger und beherzt krempelte er seine ärmel hoch. Die tätowierten, mit Berliner Sprüchen versehenen und mit schwarzem, dichten Haar durchwachsenen Hände waren behandschuht. Zwischendurch klopfte er, in der mündlichen Tradition stehend, Sprüche wie den folgenden: „Von den Berlinern steht schon in der Bibel geschrieben, nämlich: Tue deinen Mund auf und ich fülle ihn.“ Oswald plagte nur ein Gedanke, und eine Angst saß im Nacken, ob denn die Haustreppe das schwere Ding auch aushielt. Das Haus war nämlich Baujahr 1870 und stand unter dem Denkmalschutz der Stadt Frankfurt. Es wurde zwar öfters renoviert und verjüngt, konnte aber sein Alter voller Riß- und Bruchfalten hinter der Fassade nicht verbergen. Und er wohnte doch schließlich in dieser Denkmalbude in der siebten Etage. Die Feuerwehrleiter wäre auch kein dauerhafter Notausgang, oder?! Aber Spaß beiseite.
Das „Hau ruck“-Kommando hieß alle näher zusammenrücken, um den Flügel gen zehnten Stock zu entrücken. Vorne packte Günter an, ein frischgebackener, noch nach Jung und Freud riechender Diplom-Psychologe. Er kam, über die Zwischenstation Uni-Tübingen, aus dem Stuttgarter Raum. Aus dem Schwabenländle also. Er galt im Bekanntenkreis als Exzentriker: extravagant, überspannt, hie und da verstiegen. Spielte übrigens wunderbar Klavier. Euterpe, die Muse der Musik, meinte es gut mit ihm und war auf seiner Seite.
Ein Gejachte und Gekeuche begleiteten gleich einer Eskorte das Konzertklavier. Ein Ach und Krach, wie in einer Judenschule, von den an den Wänden und Treppengeländer reibenden und kratzenden Rücken, Schultern, Ellenbogen.
Kaum erreichten sie die erste Etage, da schrie Herr Weidmann: „Bitte, laßt runter, ich muß anders greifen. Mein Kreuz…“ Der Flügel, nicht seine Jagdtrophäe, sank jählings auf einer Seite. Sein Name, wie sein Beruf, paßten wie zwei Paar Jägerstiefel zusammen. Er war nämlich Forstbeamter und Jägermeister.
„Schwer ist das Ding. Das ist echt nicht mein Jagdrevier.“ Er japste nach Luft. „Ist das ein Kreuz mit der Musik. Die ewigen Jagdgründe wären mir lieber.“
„Courage, Courage, mein lieber Jägermeister!“ lachte der herzensgute Jedermanns-Freund Ossi. „Wenn ich mich nicht täusche, bedeutet Kreuz in der Musik - Erhöhung. So wie Christus bei den Juden: man wollte ihn auf's Kreuz legen, kreuzigte ihn schändlich, und siehe: Kreuzerhöhung vor der Kreuzabnahme. Dies ist keine wilde Jagd nach Glück, sondern eine Jagd auf Hochwild, mein lieber Herr Weidmann. Oder begnügst du dich mit einer niederen Jagd auf Hühner und Hasen? Also: Jagdfrevel oder Jagdgerechtigkeit?“ Mit dieser Frage war auch Ossi zu Ende mit seinem Jägerlatein.
Wenn die Blicke töten könnten! Wie ein Jagdflieger mit einem Helikopter wäre der Forstbeamte senkrecht hochgegangen, wäre da nicht die versöhnliche Diskantstimme einer jungen Frau.
„O je, Jettatore! Bitte lächeln! Ihr schafft es schon. Con forza - mit Kraft. Con animo - beseelt. Und wenn das alles nicht ausreicht, dann con passione.“
Sie war die eigentliche die Initiatorin dieses Theaters. Sie wollte einen alten, bewährten Flügel haben. Kein Jammerholz wie das bisherige, das vom Balkon des zehnten Stockes hinabgestürzt wurde und in Scherben zerschellte. Irreparabel, irreponibel, nicht mehr zu stimmen, wie ein nicht mehr einzurenkender Kalkknochen in der Orthopädieabteilung. Felicitas war von Beruf Krankenschwester, hatte aber umgeschwenkt und studierte zur Zeit Musik am Konservatorium. Ab und zu schob sie zwecks Nebenverdienst Nachtwache in einem Altenheim.
„Du hast zwar einen unheimlichen Blick, bist aber trotzdem kein Hexenmeister, Jettatore!“ Zu gut kannte sie ihren Neffen.
„Einen Moment mal, bevor es hier weitergeht, etwas Makabres aus Berlin.“
Oswald war mal wieder an der Reihe.
„Meine Schwester, übrigens auch eine Krankenpflegerin, kommt vom Dienst nach Hause und erzählt ihren Lieben daheim: ‚Heute ist ein Patient vor meinen Augen gestorben.’
Die fünfjährige Tochter fragt sie mit todernster Stimme: „Mama, wie hast du denn den Mann angekuckt?'“
Er lachte wie ein Irrwisch, ein ansteckendes kindliches Lachen riß sogar den Isegrimm Herrn Weidmann vom Hocker und von den Socken.
Wieder packten vier Paar Hände den Flügel und schleppten, schoben, zogen stöhnend, fluchend und röchelnd das schwarze Ding hinauf. Eine Ewigkeit war vergangen, bis sie auf dem vierten Stock auftauchten. Der vierte im Bunde war nicht die Felicitas, die stolze Besitzerin, sondern ein gewisser Herr Tomaschewskij. Vom äußeren Erscheinungsbild ein grobschlächtiger Mann. Er erinnerte an den großen Inquisitor in Brüder Karamasow. Von Beruf war er Geigenbauer. Wer ihn mal beim Stimmen von Flügeln beobachtet hatte, dem konnte nicht entgehen, wie seine introvertierte, zuunterst gekehrte, zartbesaitete Intima durchbrach und das äußere Lügen strafte. Jetzt war er aber auch groggy. Die Schürfwunden an den Händen brannten wie Feuer, die Knie schlotterten, und der Kopf war vakuumvoll. Weiß der Geier, warum die Felicitas auf ihn gekommen war. Er war zwar ein alter Bekannter, mehr aber auch nicht. Seine ausdruckslosen Augen irrten umher, keine einzige Geige, geschweige denn die von Paganini, hing an dem durch die graue Decke behangenen Himmel. Das düstere Lampenlicht im Treppenhaus tat den Augen weh. Wie ein Häufchen Elend saß er da und war bemitleidenswert.