I. Ich kam nach Hause
1
Das Haus stand auf einem Hügel am Ende der Straße, die entlang des Ufers verlief und einen Bogen um den Teich machte. Es war das letzte in der Reihe der Häuser, ein wenig von ihnen entfernt, aber nicht weit vom Uferweg gelegen. Er dachte, dass er es vom Ufer aus schnell erreichen würde, beeilte sich, ging schneller und schneller, dann lief er, doch je hastiger er sich bewegte, desto undeutlicher wurde das Haus und das ganze Gelände ringsum. Einmal glaubte er, schon ganz nah zu sein, spürte sogar deutlich den betörenden Duft des Flieders unter den Fenstern, doch plötzlich wurde die Umgebung wieder verschwommen. Wieso ist das Licht erloschen, es ist doch noch früh, so früh geht doch keiner schlafen, und wo ist überhaupt das Haus geblieben? Wenn man die Straße und andere Häuser sehen konnte, wieso dieses nicht?
Er ging zurück zum Ufer, um einen neuen Versuch zu starten und das Haus vom Wald aus zu erreichen, und sah erfreut, dass es nun wieder zu sehen war, aber mit jedem Schritt wurde es undeutlicher, bis die Umrisse ganz in der Dunkelheit verschwanden. Er wollte es nochmals versuchen, wollte wieder zum Ufer gehen, doch plötzlich sah er, dass er sich überhaupt in einer fremden Gegend befand. Keine Häuser, kein Teich, kein Weg, kein Gras, keine Bäume, kein Mond, keine Sterne – nur graues ödland.
Was für ein Spiel wurde mit ihm gespielt? Was für eine Kraft trieb ihn zu diesem unbekannten und doch irgendwie bekannten Haus und was für eine Macht ließ ihn nicht näher heran und führte ihn jedes Mal vorbei?

2
In jenem Frühling blühte der Flieder lange, fast einen ganzen Monat. Am Freitag, drei Tage vor meiner schon vorbereiteten Reise nach Russland, rief mich Willis Frau an. Es war eine gute Weile her, dass wir uns gesehen und miteinander gesprochen hatten.
Es war Willis Geburtstag. Er wäre jetzt 70 geworden, könnte noch leben, und ich dachte zuerst überrascht, dass ich meiner Schwägerin gegenüber nicht ganz gerecht war. Nach vielen Jahren hatte sie nicht vergessen, was für ein Tag heute war! Doch nachdem ich ihr neugieriges wie geht’s und wie steht’s zufrieden gestellt hatte, sagte mir etwas, dass meine Vermutung wahrscheinlich falsch war. Um nicht unhöflich zu sein, erkundigte ich mich, wie es ihr ginge und bereute kurz darauf die Frage. Rheuma, Leistenbruch, Leber, Asthma … Was uns das Leben alles bescheren kann! Aber ihren Kindern ginge, es gut, besonders den Enkelkindern, die …
Meine Verwandten waren für mich schon immer ein Buch mit sieben Siegeln oder wie eine Bibel mit gotischer Schrift. Obwohl ich auch in einem modernen Neuen Testament in moderner kyrillischer oder in lateinischer Schrift nicht viel verstehe, kann ich es zumindest lesen.
Mir scheint, alle tun nur so, als ob sie davon was verstünden – dennoch versucht man es immer und immer wieder (oft vergeblich), den anderen zu erklären, was das Eine oder das Andere bedeuten soll. Früher, in meiner Kindheit, konnte ich noch in der Bibel meiner Mutter – solch einem dicken, schweren, zerschlissenen Folianten mit komischen Schriftzeichen – einige Zeilen lesen im festen Glauben, etwas davon zu verstehen, jetzt aber, wenn es dazu käme, wohl kaum noch ein Wort. Ich glaube, damals hatten mich nicht die vielen märchenhaften Geschichten fasziniert, sondern vielmehr die wunderbar gemalten Schriftzeichen …
Ich zeichnete damals gerne. Wenn ich kein Papier und Stifte auftreiben konnte, dann eben im Schnee oder Sand und nicht mit Kohle oder Kreide an die Wände, wie die heutigen Graffiti.
Wenn ich mit meinen Nichten und Neffen (Willi hinterließ elf Kinder) irgendwie noch klar kommen konnte, war eine ähnliche Aufgabe mit der Nachkommenschaft meiner Nichten und Neffen unlösbar, zumal ich viele schon lange nicht mehr und einige überhaupt noch nie gesehen habe.

„Erich, der siebte von Irene, ist schon ein Jahr alt und so süß und klug“, fuhr Helen fort. „Peter, der fünfte von Waldemar, kann längst selber essen und gehen. Larissa, die Jüngste von Erich, zieht schon selbständig ihre Hose runter und setzt sich selber auf den Topf. Und weißt du, was sie heute gesagt hat? Nein? Na, du bist mir einer! ‚Oma ist taub und faul‘, hat sie gesagt. Und als sie sah, dass Erich, ihr Vater – Marinas Mann heißt Erich – über ihre Worte nicht begeistert war, bemerkte sie beleidigt: ‚Oma hat das selber über sich gesagt und jetzt bin ich schuld!‘
Weißt du, die sind klüger als wir, nicht wahr?“

Ich sah auf die Uhr. Nicht alle Russen, pardon, nicht alle Deutschen aus Russland können sich daran gewöhnen, sparsam mit dem Telefon umzugehen – sie schieben sich ein Polster unter den Hintern und plappern und plappern. Drüben war es ja kostenlos. Besonders oft wird das Wort drüben erwähnt, wenn die Rechnung kommt.
Hoffentlich verpasse ich meinen Flug am Montag nicht. Ich legte den Hörer auf den Tisch und begab mich in die Küche, um frischen Kaffee aufzusetzen. So war es sicherer – ein unvorsichtiger Laut von mir würde der Begeisterung meiner Schwägerin, über mindestens zwei Dutzend Wunderenkel zu berichten, weitere Triebkraft verleihen.

… Der langweiligste Mensch auf der ganzen Erde ist jemand, der auf die Frage, wie es im gehe, einen Knopf an deinem Anzug packt oder gar dir gegen den Bauch drückt und anfängt, seinen Lebenslauf aufs Gründlichste zu erzählen …
Als ich zurück kam und den Hörer wieder aufnahm, beschrieb meine Schwägerin gerade den sechsten Enkel, den entzückenden Edik. Ich müsse ihn einmal sehen, wie süß, einfallsreich und begabt er sei – zumindest ein Wunderenkel.

Und kein Wort über Willi.
Offensichtlich hatte sie sich mit dem Tod ihres Mannes abgefunden. Ehrlich gesagt, war es dafür auch schon Zeit, doch etwas sträubte sich in mir dagegen. Ich konnte es nicht vergessen. Mich hatte der Tod meines Bruders als einer der ersten und stärksten Schicksalsschläge in diesem Land getroffen.