Sie glaubte. Sie schloss die Augen, sie faltete die Hände, sie kniete sich hin und glaubte. Nicht, dass sie mit geöffneten Augen weniger geglaubt hätte, dass sie mit greifenden Händen an der Wirklichkeit hängen geblieben wäre; auch ihre Knie, mit denen sie durch den Teppich hindurch den glatten, harten Boden schmerzhaft spürte, waren mit der Wirklichkeit verbunden, mit dieser Welt, und sie glaubte trotzdem. Sie schloss nicht die Augen, um besser an etwas glauben zu können, was unsichtbar war, sondern um allein zu sein mit dem Unsichtbaren, mit Gott. Sie faltete die Hände, um sich an Gott zu halten, wie um ihn zwischen ihren Handflächen zu greifen und nicht gehen zu lassen, so fest, und sie seufzte innerlich, als sei sie alt und trauere einer verlorenen Jugend nach. Es war schlimmer: Sie war jung und dennoch verloren. Ihre Jugend galt nichts, war nichts als eine Quelle des Unglücks und der Versuchung, und jetzt, da die Versuchung an ihr aufbrandete wie an einem flackernden Leuchtturm, musste sie die Augen verschließen vor ihrem Jungsein und vor der Welt. Das war die Versuchung: die Welt. Es war keine Versuchung, wie sie vielleicht ein Mönch erfährt, der durch das Gitter des Beichtstuhls ein Paar dunkle Augen erspäht, sondern es war alles. Nicht eine einzelne Situation, eine einzige Person, ein Gefühl, ein Gedanke, nein, schlimmer: Es war alles. Die ganze Welt. Mit der Verzweiflung dessen, der liebt, was er nicht lieben soll, richtete sie ihren Blick auf das, was sie lieben sollte.
Gott, oh Gott.
Sie wartete darauf, dass er ihr Feind würde, aber es geschah nicht. Sie fühlte keinen Groll, nur die Frage, nur den Zweifel, der nicht den Glauben an Gott, sondern den Glauben an den Weg zur Erlösung betraf. Muss ich sie denn hassen, muss ich denn, muss ich denn …
Sie, Elsa, war sechzehn Jahre alt, aber nach der anderen Zeitrechnung erst zwei, zwei Jahre wiedergeboren, und seit einem halben Jahr getauft. Sie, Elsa, mit sechzehn Jahren vor die nahezu unerfüllbare Aufgabe gestellt, diese Welt zu hassen oder wenigstens nicht zu lieben, Distanz zu ihr zu finden (wie auch zu sich selbst, denn auch sie, Elsa, war ein Teil der Welt), sie, Elsa, bat Gott um die Kraft, ihn, den Unsichtbaren, mehr zu lieben als das Sichtbare, das Lebendige, mehr als das, was aufdringlich in ihre Augen und Ohren drang, mehr als das, was sich heiß und lebend um sie herum tat, mehr als ihren eigenen Körper, der „Fleisch“ hieß und der nicht mehr war als ein Stück Fleisch: sterblich, sündig, überflüssig, sobald die Seele zu ihrem Recht kam.