VORWORT DER AUTORIN
In meinem dichterischen Leben gab es einige Wendepunkte, die zwar weit zurückliegen, an die ich mich jedoch sehr genau erinnere. Diese Wendepunkte hatten meinem schöpferischen Tun zu einem hilfreichen Umschwung verholfen, indem sie mir wunderbare literarische Quellen erschlossen von deren Vorhandensein ich keine Ahnung hatte.
Die erste Begebenheit liegt wohl an die 35 Jahre zurück, doch ist sie frisch in Erinnerung … Damals lebte und arbeitete ich in Duschanbe, der Hauptstadt Tadshikistans (Mittelasien), wo wir, stets auf Arbeitsuche, gelandet waren … Anlass dazu war der Hinweis eines Kollegen, dass man in der tadshikischen Universität Juristen und Fremdsprachenlehrer brauchte. Und dies war genau unser Fall: Mein Mann war Jurist, und ich war im Fremdsprachenunterricht tätig. So brachen wir unsere Zelte im alterwürdigen Riga ab und begaben uns ins aussichtsvolle Ungewisse. Der Hinweis unseres Kollegen erwies sich als stichhaltig, und einige Tage nach unserer Ankunft unterrichtete ich bereits Latein und Deutsch und mein Mann Kriminalistik …
Deutsch war meine heiß geliebte Muttersprache, die ich jahrelang kaum hörte und sprach, aber die ich sorgsam pflegte, und in der ich in Duschanbe anfing, Prosatexte und auch Gedichte niederzuschreiben … Zu jener Zeit erschien in Moskau schon eine deutsche Wochenschrift – Neues Leben, zu der ich Kontakt aufnahm, und die ab und zu meine kleinen Geschichten und auch Verse veröffentlichte.
Einmal, als ich in den Sommerferien eine Woche in Moskau war und mein erster Gang einer Buchhandlung galt, wo gebrauchte und auch fremdsprachige Bücher auslagen, fand ich ein schmales Büchlein mit dem Titel „Spracherzieherische übungen“ von E. Wolf und E. Aderhold (Berlin 1962). Selbstverständlich griff ich zu, überglücklich, ein deutsches Buch gefunden zu haben, das, wenn nicht meinen Studenten und Doktoranden, so doch sicherlich mir selber helfen würde, mein angerostetes Deutsch aufzupolieren. Und zu meiner großen überraschung fand ich im Anhang unter klassischen und neueren Gedichten auch etwas, das ich bisher nicht gekannt hatte – es waren dies Dreizeiler und Fünfzeiler unter der überschrift „Japanische Gedichte“ von Manfred Hausmann übertragen. Nur einer von den Versen, von denen ich nicht wusste, dass es Haiku und Tanka waren, wies den Namen des Verfassers auf.
Hier ist er:
Bleib sitzen, kleiner Frosch!Hab keine Angst!Ich bin es doch, ISSA!
Dies war meine erste Begegnung mit den Haiku und mit Issa!
So begann ich, noch ohne eine einzige Regel dieser Poesie zu kennen, Drei- und auch Fünfzeiler zu dichten … Auf einige meiner Verse, die in der schon erwähnten deutschsprachigen Wochenschrift veröffentlicht wurde, kamen Leserbriefe, auch aus Deutschland. Es entstanden Kontakte mit Haiku-Dichtern in Deutschland.