Birgits Vater war als Held gestorben. Er war ziemlich früh an der Front gefallen, als der Sieg noch sicher schien, und auch als die nachfolgenden Jahre das Reich verdammten, für das er sein Leben geopfert hatte, ließ seine Witwe ihn in ihrer Erinnerung als Held weiterleben. Schließlich verlangt niemand von einem Helden, einen Kampf auszuschlagen, für welche Sache auch immer, und so war der Makel, der seinem Heldentum anhaftete, nicht in der Lage, dieses Heldentum auszulöschen. Auch Birgits Mutter war eine Heldin. Ohne Mann, allein mit drei kleinen Kindern, gelang es ihr, eine schwere Zeit zu überstehen, die nicht jeder so gut und heldenhaft überstand wie sie. Zu einer Zeit, da Frauen lange nicht so verbissen an ihrer Karriere arbeiteten wie heute, bewies sie Geschäftssinn und Vorausschau, übernahm den kleinen Laden ihres Onkels und gestaltete ihn im Laufe der Jahrzehnte zu einem eleganten Feinkostgeschäft um. Birgit wuchs in dem Bewußtsein auf, die Tochter eines Helden und einer Heldin zu sein, vom Blute der Tüchtigen, zu großen Taten bestimmt. Ihre Familie hatte es geschafft, sie hatte nicht nur überlebt, sondern war aus dem Krieg als Siegerin hervorgegangen (daß ihr Vater nicht überlebt hatte, tat dem Ruhm keinen Abbruch), und Birgit war schon als Heranwachsende der überzeugung, daß auch sie in die Fußstapfen ihrer Eltern treten und irgendwann irgend etwas Heldenhaftes vollbringen würde. Was das sein könnte, wußte sie nicht, und erst als sie im Alter von zwanzig Jahren im Kreißsaal lag und tapfer die Wehen ertrug, ahnte sie, daß es vielleicht das war, was ihr bestimmt war zu vollbringen. Der Mann, den sie eher aus einer Laune heraus als aus dem Drängen unsterblicher Liebe geheiratet hatte, hieß Helmut und war wie sie zu großen Taten geboren. Seine Herkunft war ihrer sehr ähnlich. Sein Vater hatte heldenhaft ein Bein verloren, und seine Mutter hatte den Invaliden und ihren einzigen Sohn Helmut ernähren müssen, was sie zwar nicht ganz so tüchtig tat wie Birgits Mutter, da sie im Grunde eine kleine, ängstliche Person war, was sie aber immerhin geschafft hatte. Sie hatte in ihrer Jugend Künstlerin werden wollen und gab ihre Sehnsucht nach Schönheit und Vollkommenheit an Helmut weiter, indem sie ihm die gleiche Sorgfalt und Liebe angedeihen ließ wie den ungeschaffenen Kunstwerken, von denen sie immer noch hin und wieder träumte. Helmut, geliebt, im Besitz eines Funkens Genialität, den seine Mutter unbedingt in ihm sehen wollte, angespornt, etwas Besonderes zu sein, fügte seinem leider recht gewöhnlichen Leben etwas Besonderes hinzu, indem er Birgit heiratete, die an ihm die Heldentat vollbrachte, ihn aus dem Wirkungskreis seiner Mutter zu entfernen. Derart auch dem Anspruch, genial zu sein, nicht mehr ausgesetzt, seufzte er erleichtert und begann in tiefer Dankbarkeit Kinder zu zeugen. Seine Mutter war mit diesem Beweis schöpferischer Fähigkeit letztendlich doch zufrieden, obwohl es ihr einen Stich gab, daß Helmut auch mit vierzig weder reich noch berühmt geworden war und keinerlei Anstalten machte, es je zu werden. Nicht ganz zu Unrecht setzte sie ihre Hoffnung nun in die Kinder. Auch Helmut setzte seine Hoffnung in die Kinder, schwelte in ihm doch noch der Glaube an seine eigenen schlummernden Fähigkeiten fort, und hin und wieder sah er sich selbst in ihren kleinen, runden Gesichtern und hoffte darauf, daß der Same Frucht tragen würde. Auch Birgit setzte ihre Hoffnung in die Kinder und sie betete darum, sie möchten das werden, was sie selbst zu werden versäumt hatte. Die Kinder waren ihre einzige Heldentat; was auch immer an weiteren Taten zu vollbringen war, lag nun an ihnen.
Und tatsächlich, als sie herangewachsen waren, zeigte sich, daß sie weniger Wert auf Reproduktion legten als ihre Vorfahren, und daß sie so, vielleicht, endlich die Gelegenheit ergreifen würden, etwas Besonderes zu sein. Nun lag es an ihnen, genial zu sein oder heldenhaft oder wenigstens tüchtig. Alles, was man dazu an Erbmasse braucht, war ihnen umsonst mitgegeben worden. Nun lag es an ihnen, das zu sein, was ihre Eltern aufgeschoben hatten, wonach ihre Großeltern die Hände ausgestreckt hatten - etwas ganz Besonderes .