Die Tür
Der Morgen war eine Tür. Die Frau sah flüchtig zur Tür hin, sah hin im Vorbeigehen, sah einen Augenblick das würfelstrukturierte Glas der Tür und in diesem Glas das Weiß, das von draußen kam. Draußen war der Tag angebrochen, endgültig für die nächsten sechzehn Stunden. Der Tag brach auch ins Haus ein, brach durch die Fenster und durch die Tür. Ein blasses Weiß. Das Grelle blieb noch hinter Wolken, außerhalb der Dächer und Mauern. Das durch die Glaswürfel verschwommene, jedoch eindeutige Weiß fiel in dem Moment auf die Frau, als sie vorbeiging. Sie ging in den noch nachtvereinnahmten Räumen mit noch fernen Füßen, und ihr Körper zögerte vor dem Weiß. Das Weiß stand draußen und hing in der Tür und kam durch sie hindurch. Die Frau hielt still. Das große Viereck von Weiß war der Morgen. In ihm war ein Stück Garten sichtbar und ein Weg und eine Ecke des Nachbarhauses. Die weichen Nadeln der Lärche schimmerten neblig weiß hindurch.
Die Frau nahm ihre Hände, und sie waren weiß, sie kämmte ihr Morgenhaar. Sie zog ein Kleid an, Farben wurden an ihm sichtbar. Sie zog Schuhe an und öffnete die Tür. Das Gras war tagweiß und grün, die Katze kam, rieb sich an ihren Beinen und wollte fressen. Die Kinder purzelten aus den Betten, liefen nach draußen, stürmten in die Küche, verlangten Haferbrei. Und der Staub flog durch die Stunden, setzte sich auf alle Flächen im Haus. Sie hatte den Morgen und den Tag in sich und wischte und schrubbte und kochte und wusch und spülte und pflückte reife Brombeeren und schnitt verblühte Rosen ab. Zwischendurch sammelte sie Worte und schrieb sie mit Tasten auf den Bildschirm. Die Worte waren weiß. Weiß war ihre Hülle, auch wenn sie innen farbig waren und manchmal dunkel und manchmal zerbrochen wie die äste des alten Johannesbeerstrauchs. Manche Worte waren von innen hellbraun wie Lehm und Erde oder wie eine vergilbte Seite von gestern. Sie hatten jetzt alle das Weiß, es machte sie mild und erträglich. Selbst das Grelle der Tagesmitte, das jetzt irgendwo oben zerbarst und alles wie mit Feuer durchstach, hatte ein weißes Feuer, ein freundliches wie versöhnliches. Und die Frau wußte immer noch, daß sie weiße Hände hatte, auch wenn sie von der Sonne des Tages braungebrannt waren.
Als das Licht zur Neige ging, legte sie sich das Weiß aus der Morgentür um ihre Schultern. So war sie stark gegen das Frösteln im Dunkeln und gegen das Innenleben der Worte, die manchmal im Kern nachtschwarz waren.
Warum, dachte sie, bin ich anfällig für das Gestern und die Lehmfarbe und für das Schrumpeln der alten äste am Johannesbeerstrauch. Habe ich nicht immer dieselben Arme und Hände und denselben Körper und dasselbe Gehör für Worte und Laute, und atme ich nicht am Morgen gleich wie am Abend und heute wie gestern und wie übermorgen. Sind es nicht dieselben Schritte, die ich im Haus an den Herd oder an die Kinderbetten, die besetzten und die leeren, mache, in den Garten oder auf die Straße, zu den Nachbarhäusern oder in den Alleingang. Und doch... Der Schritt an ein leeres Kinderbett ist anders. An eins, das nur noch leer bleibt. Das einmal nicht leer war. Das ein Gestern hatte, ein frühes, mit übersprudelndem Weiß. Deshalb ist das Wort „immer“ zu dunkel. Ein Bett, das nicht immer leer war, ist nicht so dunkel. Das Weiß färbt ab. Das übersprudelnde. Auch das gedämpfte, verschwommene. Die Morgentür. Das Weiß für gestern und vorgestern. Für die Farbe von Lehm und Erde. Weiß als Hülle der Nacht.
Sie geht und sieht hin. Im Vorbeigehen. Das würfelstrukturierte Glas der Tür. In diesem Glas das Weiß. Es kommt von draußen.